Karin Stempel
BILDER AUS DEM ZWISCHENREICH
Die Filmemacherin, Fotografin und Malerin Dore 0. arbeitet mit Bildern, gleichgültig in welchem Medium sie sich bewegt - sie arbeitet mit Bildern, die sichtbar werden, und mit Bildern, die sichtbar machen, wobei der Ursprung dieser Bilder stets im Unsichtbaren liegt und ihre Gegenwart sich ins Nicht-Sichtbare entgrenzt. Was dabei zum Vorschein kommt, was aufscheint und in Erscheinung tritt, ist bar jeder literarischen Bedeutung, verbalen Verordnung und theoretischen Verortung, sondern ist wesentlich freigesetztes Bild, das weder vorgibt, eine fadenscheinige und vordergründige Illusion von Wirklichkeit zu imitieren und zu reproduzieren, noch stillgestellt symbolträchtig und zeichenhaft gerinnt. Diese Bilder verdichten sich eher schemenhaft und ungreifbar in Raum und Zeit verwebenden Palimpsesten, die vage wandernde Zentren von Bedeutung umspielen und flüchtig wie im Traum, schwerelos wie im Flug Erscheinungen, Vorstellungen, Assoziationen, Projektionen, Wünsche, Stimmungen - anscheinend Sichtbares und scheinbar Unsichtbares miteinander verknüpfen, das wie in einem imaginären und inflationären Sog insgeheim erfaßt sich sammelt, einzig um sich zu verströmen.
Dingfest ist in diesen Bildern, derer man nicht habhaft werden kann, nichts zu machen, doch man hüte sich davor, ihre Freizügigkeit mit Unverbindlichkeit in eins zu setzen. Vielmehr waltet in diesen Bildern eine strenge und unnachgiebige Disziplin, die jenseits der Worte, nach dem Verschwinden der Wirklichkeit, ihrer Gewißheit und ihrem BewuBtsein, im Zwischenraum der Bilder den verdeckten und verschütteten Energien des Sichtbaren, die nicht domestiziert und nicht zielgerichtet im Untergrund und an der Oberfläche treiben, anscheinend im Verborgenen nachspürt - stille Ahnung mutet Schweigen an.
Technisch betrachtet sind Dore O.'s Fotografien, die im Zentrum dieser Betrachtung stehen, Polariodaufnahmen, die, durch vielfältige Eingriffe und Manipulationen verändert, die Vorlage fur monumentale Vergrößerungen sind, die den Endstatus dieser Arbeiten bezeichnen. Materielle Verletzungen und partielle Zerstörungen der Oberfläche, Kratzer, Einschnitte, Verzerrungen, Verwerfungen, Verschiebungen der noch weichen und formbaren Bildschicht, wie sie die Technik der frühen Polaroid Land-Camera noch zulassen, mechanische und chemische Eingriffe in den Entwicklungsprozeß der Aufnahme, damit verbundene Verfärbungen, Übermalungen und Mehrfachbelichtungen, inszenierte Dramaturgie und aleatorische Momente verbinden sich in den Großformaten jenseits ihrer willkürlichen und unwillkürlichen Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte zum Bild, das alle technischen Prozesse und künstlerischen Manipulationen in sich aufhebt, zeitlos im Raum versammelt und verwandelt. Die Transformation der Technik - gleichgültig wie vielschichtig und komplex sie ist - kulminiert im Bild, in dem sich die unterschiedlichen Verfahren und verschiedenartigen Potentiale durchkreuzen, überlagern und zum Einstand kommen, denn die Metamorphose von zeitlichen Prozessen und Prozeduren in räumliche Beziehungen und Bezüge ist in diesen Arbeiten mit ihrer Gleichordnung identisch. Diaphan und simultan verkörpern sie keine unterschiedlichen Bildebenen, sondern entfalten widersprüchliche Potentiale, indem jede Verhüllung zugleich eine Enthüllung ist, jede Überlagerung nichts anderes als den durchscheinenden Grund dieser Bilder hervortreten läßt, so wie das Dunkel als Voraussetzung des Lichtes erscheint, das sich in ihm entdeckt. Wesentlich ist, daß jedes Bild mehrere Bilder ist, deren vielfältige Relationen in einem aperspektivischen Raum schweben.
In ihrer reinen Sichtbarkeit und schieren Gegenwärtigkeit öffnen sich diese Bilder nach allen Seiten - fraglos in ihrem Sein scheinen sie zeit- und geschichtslos zu sein, beziehungslos in ihrer allseitigen Beziehbarkeit und Bezüglichkeit, in der sich Alltägliches und Archaisches ebenso unvermittelt und unvermutet trifft wie Offenbares und Offenbartes ineinander übergehen. Privatheit, die in den Studien und den Porträts, den Details der Inszenierung, in scheinbar vertrauten Silhouetten und anscheinend bekannten Gesten auftaucht wie ein Nachbild des Seins, verwandelt sich unversehens in Intimität, in der die Nähe Voraussetzung und Gradmesser einer uneinnehmbaren Distanz ist, vor der jede geschwätzige Schilderung verstummt und jede wortreiche Erklärung versagt. In der Intensität der Wahrnehmung verdichtet sich offenbar Vertrautes unausweichlich atmosphärisch bis zur Unerträglichkeit, gesättigtes, übersättigtes Sein, das plötzlich bedeutungslos ist und schlagartig entrückt - unweigerlich dem Zugriff entzogen, indem jede Form der Privatheit, jeder Anschein der Vertrautheit dem Geheimnis preisgegeben wird. Nicht das Licht ist der Ursprung dieser Bilder, sondern das Dunkel, das das Licht durchdringt. Diese Bilder sind nicht handhabbar und auslegbar, sondern ganz bei sich, in ihrer bedingungslosen Offenheit hermetisch in sich verschlossen.
Rationalität setzt aus, Visionen ziehen durch den Kopf und auch vorüber, Gedankenfetzen treiben haltlos durch den Raum, Wirklichkeitsfragmente durchsetzt mit Traumfasern verlieren sich in Phantasmagorien und Halluzinationen, unauflöslich schweben Schwaden, die das Bild verunklären, das sich nur verhüllt jenseits von Sein und Schein entdecken kann, denn alle Grenzen sind bedeutungslos, hat Wirklichkeit erst ihren Ort verloren.
Plötzlich huscht ein Schatten lautlos über eine weiße Wand und verlischt im Licht, das in der Morgendämmerung drohend sein Medusenhaupt erhebet. Wirklichkeit, ganz Projektion, versinkt in sich, im Strom der Bilder, die Dore 0. in ihren Arbeiten entfesselt, traumverloren, ganz bei sich, ist der Traum verloren und Wirklichkeit ist Helle, in der Mitte des Seins bar jeden Seins - reiner Schein, gleißend, verzaubert die Entzauberung, die das Wort nicht lösen kann. Licht treibt im Licht, überblendet Schein den Schein, nur schwarze Spiegel fressen Licht.
Angesichts dieser Bilder ist nur eins gewiß: Blenden kann man das Licht nur mit dem Spiegel. Nur wer sich blenden läßt, entgeht auf Dauer der Verblendung. Der, der geblendet wird, erliegt ihr - der Wirklichkeit, der Illusion, der Unterscheidung.
In Dore O.'s Bildern fällt ein neues Licht auf jede Unterscheidung, ein Licht, das wie der Blitz aus dem Dunkel kommt und aus dem Nichts - ein Licht, das Wirklichkeit trifft wie ein Boomerang, im Schattenwurf, im Ungewissen, Ungesagten, Ungesehenen - ein Looping von hinten, rückwärts aus dem Dunkel der Erinnerung, aus der Helle des Traums. Im Reich der Schatten sieht allein der Blinde, der nicht geblendet ist vom Licht der Nacht. Unversehens formen sich dunkle Gestalten, die still in ihrem Umriss stehen - schemenhaft, sinnenhaft, leibhaft - Bilder von der anderen Seite der Wirklichkeit
